Telemediale Unterstützung der textbasierten Hochschullehre

Ein Lehr- und Lernexperiment

Michael Schetsche, Thomas Krug, Thomas Temme (alle Universität Bremen) (2001)

1. Konzeption, Aufbau und Funktionen des MDI
2. Konkrete Nutzungserfahrungen
3. Zur Evaluation des MDI-Einsatzes
4. Fazit
5. Fußnoten


[1] Im Hinblick auf verschiedene studienpraktische Bedürfnislagen sowie unter Berücksichtigung von lerntheoretischen Erkenntnissen haben wir ein WWW-basiertes Interface entwickelt, mit dem Rezeptions- und Diskussionsprozesse initiiert, moderiert und strukturiert werden können, wie sie für die Hochschullehre gerade in den Sozial- und Geisteswissenschaften typisch sind. Die Basisversion des Programms wurde erstmals in dem von M. Schetsche durchgeführten Hauptseminar "Bausteine für die Soziologie des Cyberspace" im Wintersemester 2000/2001 an der Universität Bremen erprobt.

[2] Im Gegensatz zu den üblicherweise verwendeten Lernmodulen geht es bei dem "Modularen Diskurs Interface" (MDI) [Fußnote: 1] genannten Programm weder um eine Ersetzung von Präsenzveranstaltungen durch virtuelle Lehre, noch um die Vermittlung standardisierten Wissens. Ziel des MDI-Einsatzes ist vielmehr eine Ergänzung des bestehenden Studienangebots um 'virtuelle Interaktionsräume', mit deren Hilfe textbasierte Lehr- und Lerndiskurse von Präsenzveranstaltung initiiert und eingeleitet, unterstützt und fortgesetzt werden können. Die Seminararbeit verliert auf diesem Wege ihre zeitliche und örtliche Beschränktheit - Texte, Thesenpapiere und Diskussionsbeiträge bleiben rund um die Uhr passiv und aktiv zugänglich.

1. Konzeption, Aufbau und Funktionen des MDI

[3] Die didaktischen Überlegungen bei der Entwicklung des MDI orientierten sich an Konzepten der konstruktivistischen Lerntheorie. Nach unserer Auffassung ist gerade universitäres Lernen ein interaktiver Vorgang, bei dem individuelle Lernprozesse durch Kommunikation und gemeinsame Handlungspraxen der Lehrenden und Lernenden angestoßen und realisiert werden. Im Mittelpunkt stehen dabei aktive Aneignungs- und Austauschprozesse. Mit Hilfe des MDI sollen Studierende stärker, als dies in klassischen Lehrveranstaltungen der Fall ist, die Verantwortung für die Organisation und Strukturierung von Lernprozessen übernehmen. Die Rolle der Lehrenden verändert sich vom Vermittler abstrakten Wissens hin zu eher moderierenden Aufgaben eines Mentors und Mediators. Gleichzeitig soll das MDI die konkreten Lernprozesse nachvollziehbarer und – für alle Beteiligten – transparenter gestalten. Ein wesentliches Ziel ist es dabei, die reale Seminarräumlichkeit um einen virtuellen Aktionsraum im Internet zu ergänzen und damit die spezifischen Potentiale der Netzwerkmedien, z.B. die Eigenschaften des weitgehend orts- und zeitunabhängigen Zugangs, für die Seminararbeit in geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern nutzbar zu machen.

[4] Welche Möglichkeiten bietet das MDI konkret, was erwartet die Studierenden, wenn sie über einen Computer den virtuellen Seminarraum betreten? Der aus der klassischen Lehrveranstaltung bekannte Seminarplan bildet den Einstiegspunkt in die virtuellen Lernräume des MDI. Die Termine und Themen der Präsenzveranstaltung werden über die Datumsangaben den entsprechenden Arbeitsbereichen im MDI zugeordnet.

[Grafik 1: Seminarplan im Modularen Diskurs Interface (MDI)]
[Grafik 1: Seminarplan im Modularen Diskurs Interface (MDI)]

[5] Für jeden Sitzungstermin ist ein eigenständiger WWW-Bereich im MDI reserviert; alle Seiten haben eine einheitliche Grundstruktur und Benutzeroberfläche. Diese Weboberfläche stellt aktuell fünf Kernfunktionen zur Verfügung, die verschiedene Interaktionsmöglichkeiten der Nutzer repräsentieren: (1) annotierbare Texte, (2) Datei-Upload, (3) Kommentare, (4) Links und (5) Sekundärliteratur. (Eine offene sechste Kategorie gibt den Nutzern die Möglichkeit, eigenständig neue Funktionen zu definieren und hinzuzufügen um so die Grundstruktur eines Sitzungsbereichs nach Bedarf zu erweitern.

[Grafik 2: Sitzungsbereich eines MDI-Seminars mit verschiedenen Nutzereinträgen]
[Grafik 2: Sitzungsbereich eines MDI-Seminars mit verschiedenen Nutzereinträgen]

[6] Für Lehrveranstaltungen, in deren Zentrum die diskursive Auseinandersetzung mit Theorien und Themenkomplexen auf Basis von Fach- und lebensweltlicher Literatur steht, stellt das Modul annotierbare Texte sicherlich die wichtigsten Funktionen bereit. Texte, die zur Vorbereitung auf die Seminarveranstaltung von allen TeilnehmerInnen gelesen werden sollen, finden sich in annotierbarer Form in diesem Modul. 'Annotierbarkeit' bedeutet dabei, dass die Texte nicht nur online (oder nach dem Ausdruck: offline) gelesen werden, sondern dass sie unmittelbar am Bildschirm absatzweise mit 'Randnotizen' versehen werden können: Nachfragen, Anregungen, Kommentare. Diese Kommentierungen können von allen anderen SeminarteilnehmerInnen eingesehen und ihrerseits kommentiert werden. Es entsteht eine baumförmige Kommentierungsstruktur, die derjenigen ähnelt, die von den meisten aktuellen Browsern für die Darstellung von Usenet-Postings verwendet wird. Je nach Absprache im Seminar können die einzelne Textstellen vor, während beziehungsweise nach der Präsenzveranstaltung im "virtuellen Seminarraum" diskutiert werden.

[Grafik 3: Annotieren von Textabschnitten im MDI]
[Grafik 3: Annotieren von Textabschnitten im MDI]

[7] Diese Funktion des MDI gestattet nicht nur die Kommentierung von durch den Dozenten, die Dozentin vorgegebene Texte, sondern bietet allen Seminarmitgliedern die Möglichkeit, eigene Texte annotierbar im MDI abzuspeichern und damit zur Diskussion zu stellen. Zur Veröffentlichung von Texten steht dabei eine Eingabemaske zu Verfügung, die das konvertieren ins HTML-Format sowie das Einbinden der neuen Beiträge in die Navigationsstrukturen des MDI automatisch ausführt.

[8] Dokumente, bei denen keine Annotation erwünscht bzw. sinnvoll ist (z.B. Vorlesungsskripte im PDF- Format, digitalisierte Bilder bis hin zu eigenständigen Programmen) können mittels der Funktion Uploads eingefügt und gespeichert werden. Insbesondere auch der Austausch in Gruppenarbeitsprozessen kann so sinnvoll unterstützt werden.

[9] Die drei anderen Elemente der Sitzungsseiten (Kommentare, Links, Sekundärliteratur), dienen vorwiegend der Strukturierung von Beiträgen. Unter 'Beiträgen' wird hier alles gefasst, was in schriftlicher Form von einem Seminarteilnehmer oder einer -teilnehmerin der Seminaröffentlichkeit mitgeteilt wird: Fragen und Antworten, Anregungen und Kommentare, weiterführende Links und Hinweise auf Sekundärliteratur usw. Das MDI lässt es dabei grundsätzlich offen, an welchem Ort ein Beitrag erscheint: Prinzipiell kann auf jede Aktion (z.B. ein Upload) eine Reaktion in Form einer Kommentierung oder eines anderen Beitrags erfolgen. Diese strukturelle Offenheit ist ein Grundprinzip des MDI. Beiträge in beliebiger Form sollen überall dort positioniert werden können, wo es situativ sinnvoll ist und wo sie zu Kommunikationen beitragen können. (Die TeilnehmerInnen sind darin natürlich frei, diese umfassende Variabilität durch konkrete Nutzungsregeln einzuschränken.)

[10] Um auch bei einer angeregten Diskussion die Übersichtlichkeit zu erhalten, haben wir uns - nicht zuletzt aufgrund der Erfahrung mit Vorprodukten des MDI - entschlossen, die Kommentierungsfunktion in drei Unterfunktionen aufzuteilen: Kommentare, Links und Sekundärliteratur. Dies ist jedoch keine von der Programmstruktur vorgegebene sondern eine pragmatische, auf das konkrete Seminar bezogene Entscheidung. In anderen Veranstaltungen mag eine andere Aufteilung sinnvoller sein. Das MDI ist deshalb prinzipiell so angelegt, dass nach den Bedürfnissen des jeweiligen Veranstalters bzw. der Teilnehmer neue funktionale Kategorien definiert und implementiert werden können.

[11] Zusätzlich zu diesen Basisfunktionen des MDI, die sich auf die unmittelbare Kommunikation zwischen den TeilnehmerInnen beziehen, werden vom Interface einige Dienste zur Verfügung gestellt, welche die Arbeit im virtuellen Seminarraum erleichtern sollen. Hierzu gehören verschiedene chronologisch geordnete Indices der abgegebenen Beiträge, eine Volltext-Suchfunktion über Texte, Kommentare und Uploads, sowie eine Mailfunktion, über die durch Anklicken eines oder mehrerer Nutzernamen Emailkontakt zu den anderen Beteiligten aufgenommen werden kann. Die implementierte Onlinehilfe schließlich erklärt die einzelnen Funktionen und beantwortet häufig auftretende Fragen von Neunutzern über den Umgang mit dem MDI.

2. Konkrete Nutzungserfahrungen

[12] An dieser Stelle soll kurz der Verlauf der Nutzung des MDI beschrieben werden, wie er sich in der Veranstaltung dargestellt hat, um daraus einige vorsichtige Schlüsse zu ziehen.

[13] Im jeden Dienstag stattfindenden Seminar wurde verabredet, die für die kommende Sitzung relevante Internetdiskussion bis zum Sonntag in der Früh zu führen, um so den Mitstudierenden und besonders der Person, die zum Anfang einer realen Sitzung die virtuelle Diskussion zusammenfassen sollte, die Gelegenheit zum Lesen der eingegangenen Beiträge zu geben. Diese Absprache zielte nicht darauf ab, die Diskussion an dieser Stelle abzubrechen - wie oben erwähnt war ja gerade die Erschaffung eines Ortes für kontinuierliche Diskussion über die Seminarzeiten hinaus ein Ausgangspunkt für die Entwicklung des MDI -, sondern sie sollte die gemeinsame Arbeit mit dem Medium erleichtern. Weitere Absprachen beziehungsweise Anordnungen betreffs der Arbeit mit dem MDI bezogen sich auf die maximale Länge der Beiträge, auf die Form der Beitragszuordnung, oder auf Zuständigkeiten für besondere Tätigkeiten. Diese Art der Absprachen existieren stets auch für herkömmliche Seminare, sie sind jedoch in Teilen soweit tradiert und normalisiert, dass sie nicht mehr als Absprachen oder Regeln erscheinen, die geändert werden könnten. Ein wesentlicher Vorteil der Telemedialisierung universitärer Lehre besteht nun darin, durch die neue Form die bewusste, reflektierte und, was zu wünschen wäre, demokratische Aufstellung von Regeln zu fordern. Diese Aushandlungsprozesse für den virtuellen Raum könnten auch die tradierten Regeln des realen Raums in einer fruchtbaren Weise in Frage stellen.

[14] Im Laufe der Veranstaltung zeigten sich verschiedene Eigentümlichkeiten der studentischen Arbeit mit dem Medium und speziell der Art und Weise, in der Beiträge abgegeben wurden. Sowohl um die Form zu testen als auch wegen der Anfangs unter den Erwartungen der Entwickler verbleibenden Quantität der studentischen Beiträge wurde eine Seminarsitzung völlig virtualisiert. Im Folgenden sollen nun kurz die Eigenschaften der Beiträge dargestellt werden, wie sie sich besonders in der virtuellen, als aber auch in den teilvirtuellen Sitzungen dargestellt haben. Zunächst ist aus dem Vergleich der beiden Formen festzustellen, dass die Diskussionen, die konkret aufeinander Bezug nahmen, etwa eine Woche Zeit brauchten, um sich zu entwickeln. In den teilvirtuellen Sitzungen hatten die Studenten aus den oben angeführten Gründen nur vier volle Tage zur Arbeit im MDI, vom Mittwoch an bis zur Samstagnacht. Die Auszählung und der Vergleich der 79 in der virtuellen Sitzung abgegebenen Beiträge zeigt deutlich, dass sich ein wirklicher Diskurs, insofern dass vermehrt Beiträge aufeinander Bezug nahmen und nicht nur auf den Basistext, sich erst innerhalb einer ganzen Woche entwickelte. In der Zeit vom Samstag bis zum Samstag gab es eine Häufung von Beiträgen am Montag und eine weitere, intensivere, am Donnerstag und Freitag. Die Zeitunabhängigkeit der Netzwerkmedien, in vielfacher Hinsicht von Vorteil, führte in diesem Kontext dazu, dass sich der Diskurs auch in der Zeit streckte, ein Faktum, dem bei der Nutzung ähnlicher Medien in Veranstaltungen Rechnung getragen werden oder das durch weitere Absprachen und Regeln geformt werden muss. Eine weitere Auffälligkeit in der Form der studentischen Beiträge am Text wurde schon rein optisch deutlich: eine Magnetwirkung von Beiträgen auf andere Beiträge. Wenngleich die Häufungen von Beiträgen an bestimmten Textstellen sicherlich nicht als vom dort kommentierten Inhalt unabhängig zu sehen sind, so wurde bei genauerer Betrachtung des Textes wie der Zeiten der Kommentare doch deutlich, wie stark der Wunsch der Studierenden war, miteinander über den Text in Kommunikation zu treten anstatt primär einzeln mit dem Text und danach füreinander. Interessant und diese These stützend waren auch die Inhalte der Beiträge, die sich mit dem Wachsen des Kommentarbaumes auch immer weiter vom konkreten kommentierten Textabschnitt entfernten, nicht jedoch vom Thema.

[15] Vielleicht noch stärker als dies in völlig im Realraum stattfindenden Seminaren der Fall ist besteht je nach Architektur bei Internetapplikationen die Gefahr der Zerstücklung des Diskurses. Obzwar zwischen zwei Sitzungen im Internet nur ein Mausklick liegt, kann dieser Weg in der Studienrealität zu weit sein. Es bedarf eines realen und menschlichen Moderators, der oder die sowohl den Lernfortschritt im Seminar kennt als auch in der Lage ist, dieses Wissen mit dem um das Lernziel zu einem den Rahmen spannenden Stimulus zu verknüpfen. Zusätzlich besteht die Schwierigkeit, den virtuellen und den realen Diskurs zu verbinden und nicht disparat nebeneinander herlaufen zu lassen. Bei der Entwicklung gilt es somit auf der einen Seite der Zerstücklung und auf der anderen Seite der Unübersichtlichkeit auszuweichen. Insofern als dass Telemedien fester Bestandteil von Hochschullehre werden, werden den Hochschullehrenden auch gänzlich neue Qualitäten abverlangt, sowohl in der Auswahl des richtigen Werkzeugs aus dem sich vergrößernden Markt als auch in der gekonnten Einbettung der Virtualität in die Realität.

[16] Die abgegebenen Kommentare lassen sich ihre Form betreffend in zwei Gruppen einteilen: wissenschaftlich-formale und chathaft-personale, wobei letztere einen eher kleinen Anteil der abgegebenen Beiträge ausmachen. Die Beiträge der ersten Gruppe zeichnen sich durchweg durch ein hohes sprachliches Niveau sowie wissenschaftliche Exaktheit, Abstraktheit und Unpersönlichkeit aus. Die Beiträge der zweiten Gruppe hingegen waren lax formuliert und bedienten sich teilweise der im Internet und darin besonders im Chat üblichen Akronyme (wie beispielsweise *g* für ”Grinsen”), diese Form wurde besonders für kleinere Verständnisfragen und ihre Beantwortung verwendet. Eine mögliche Virtualisierung des Studiums würde die gewohnte Balance zwischen dem Erwerb von oraler Sprachkompetenz in der Seminarveranstaltung und dem Erwerb schriftlicher Kompetenz in Referaten verschieben und vielleicht einen Ausgleich notwendig machen für die zunehmende Schriftlichkeit

[17] Wenngleich sich im Laufe der Veranstaltung eine gewisse Natürlichkeit in der Nutzung des Mediums einstellte, hatte das Seminar dennoch bis zum Ende einen recht experimentellen Charakter und unter allen Beteiligten war das Bewusstsein vorhanden, eine neue Form und, für die sozial- und geisteswissenschaftliche Lehre in Bremen, ein neues Medium auszuprobieren. Aus diesem Grund ist es nicht einfach, aus den gemachten Erfahrungen und der positiven Resonanz der Studierenden allgemeine Schlüsse bezüglich der Akzeptanz und Nutzungsintensität telemedialer Lehrformen in einer nicht zu fernen Zukunft zu ziehen, in der diese Lehr- und Lernformen zur Normalität geworden sind.

3. Zur Evaluation des MDI-Einsatzes

[18] Schon wegen der - für ein soziologisches Hauptseminar in Bremen durchaus typischen, absolut aber geringen - Zahl von 12 bis 15 regelmäßigen Teilnehmern und Teilnehmerinnen war eine Evaluation mittels standardisierter Fragebögen nicht sinnvoll. Wir haben stattdessen am Ende des Semesters schriftlich (und anonym) eine Anzahl offener Fragen zu drei Themenkomplexen beantworten lassen. Bei der Interpretation der Antworten (es lagen 12 vollständig ausgefüllte Fragebögen vor) ist zu berücksichtigten, dass das Thema das Seminars ja die 'Soziologie des Cyberspace' war, bei den Teilnehmern und Teilnehmerinnen deshalb sowohl eine gewisse Vertrautheit mit als auch ein großes Interesse an computervermittelter Kommunikation angenommen werden kann.

[19] Dererste Themenkomplex betraf eine mögliche Veränderung der Arbeitsweisen der Studierenden durch den Einsatz des MDI. DieBeurteilung der Veränderung des eigenen Arbeitsstiles schwankt zwischen einer - positiv bewerteten - intensiveren Auseinandersetzung mit den Texten und der - z.T. enttäuschten - Feststellung, dass sich in dieser Hinsicht eigentlich nichts verändert hat. Ausnahmslos berichteten die Studierenden, dass die Vorbereitungszeiten für das MDI-gestützte Seminar erheblich länger waren als bei üblichen Seminaren. Geschätzt wurde eine Verdopplung bis Verdreifachung des Zeitaufwandes, die primär auf die intensivere Arbeit an und mit den im Seminar behandelten Texten zurückgeführt wurde. Bei der Vorstellung der Evaluationsergebnisse in der Schlusssitzung führte eine Teilnehmerin diesen erhöhten Zeitbedarf dann entsprechend nicht darauf zurück, dass sie sich in diesem Seminar zu intensiv, sondern darauf, dass sie sich in traditionellen Seminaren oftmals zu wenig intensiv mit den behandelten Texten auseinandersetzen würde. Nur wenige Teilnehmer berichten über Bedenken, eigene Gedanken zu den Texten über das MDI zugänglich zu machen. Nur ein Teilnehmer verzichtete nach eigenem Bekunden weitgehend auf eine Beteiligung an der computervermittelten Kommunikation, weil er sich durch die fehlende Anonymisierung der Postings (vom Dozenten und anderen Teilnehmern!) kontrolliert fühlte. Mehrfach wurde allerdings hervorgehoben, dass die Schriftlichkeit des Ausdrucks und die anhaltende Zugänglichkeit gleichsam dazu zwingen würden, vor Abgabe eines Kommentars gründlich über die angestrebte inhaltliche Aussage und deren sprachliche Formulierung nachzudenken. Offenbar verringert die Schriftform von Textkommentaren die Spontaneität und vergrößert die Selbstkontrolle der TeilnehmerInnen (beides Tendenzen, die uns im Sinne der Verwissenschaftlichung universitärer Diskurse im Grunde positiv erscheinen.) Mit dieser Notwendigkeit zur erhöhten Selbstkontrolle hängt offenbar auch der Wunsch einiger Befragten zusammen, eigene Postings nachträglich korrigieren zu können (was in der verwendeten Programmvariante ausgeschlossen war).

[20] Im zweiten Abschnitt fragten wir nach dem Verhältnis zwischen derMDI-basierten kollektiven Textarbeit und den Face-to-face-Diskussionen. Die Einschätzung war hier deutlich zweigespalten: Die eine Hälfte der TeilnehmerInnen konstatierte eine deutliche Qualitätssteigerung der Präsenzdiskussion. Dies wurde in erster Linie auf die vorgängige Klärungen von Detail- und Verständnisfragen und die vorstrukturierende Wirkung der Online-Debatte zurückgeführt. Hingewiesen wurde auch auf die Möglichkeit, im Seminar selbst besser auf die - ja bereits formulierten - Interessen der einzelnen Teilnehmer eingehen zu können. Die andere Hälfte kritisierte hingegen, dass die Diskussion im Seminar selbst nur begrenzt anschlussfähig an die Online-Debatte war (zwei Teilnehmer meinten explizit, es hätte sich meist um zwei getrennte Debatten gehandelt). Diese zweite Position ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass es dem Moderator (diese Aufgabe wurde in zwei Dritteln der Sitzungen vom Dozenten wahrgenommen) nicht immer gelang, den elektronischen Diskussionsstand adäquat zusammenzufassen und als Stimulus für die Präsenzdebatte zu 'funktionalisieren'. Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass elektronische und mündliche Diskussionen möglicherweise schon allein aufgrund der Unterschiedlichkeit der jeweiligen Medien einer disparaten und nicht immer kompatiblen Diskurslogik folgen. Dieser Frage wäre weiter nachzugehen, wenn Programme wie das MDI primär zur inhaltlichen Vorbereitung von Präsenzveranstaltungen genutzt werden sollten.

[21] Auch die Auswirkungen auf die eigenen Beiträge wurden sehr unterschiedlich beurteilt. Einige Teilnehmer fühlten sich durch fremde Kommentare stark zum Nachdenken und zu eigenen Postings angeregt. Auffällig ist hier jedoch eine hohe Zahl Unentschlossener, die Auswirkungen auf die eigene Mitarbeit nicht beobachten konnten oder sich gar nicht zur Frage äußern wollten. Hingegen fühlten die meisten Teilnehmer sich - andersherum - durch die Präsenzdiskussionen angeregt und ermutigt, an den Debatten im MDI teilzunehmen. Lediglich zwei Teilnehmer kritisierten einen gewissen moralischen Druck von Seiten des Dozenten wie anderer Teilnehmer, sich an der elektronisch geführten Debatte zu beteiligen.

[22] Der dritte Fragenkomplex, in dem es um die generelle Einschätzung multi- bzw. telemedialer Lehr- und Lernformen ging, ist vor dem Hintergrund der generellen Debatte zum Einsatzes von Multimedia in der Lehre und zur (Teil-)Virtualisierung der Hochschulausbildung unseres Erachtens von besonderem Interesse. Hier ist zunächst festzustellen, dass alle Teilnehmer sowohl Vor- als auch Nachteile des verstärkten Einsatz von Multimedia-Techniken sehen. Erhofft werden von deren Einsatz insbesondere bessere Lehrmaterialien, eine Flexibilisierung der Zeitbudgets, interessante neue Möglichkeiten der Kommunikation und auch eine Qualitätsverbesserung der Seminare. Befürchtet werden demgegenüber ein höherer Zeitaufwand, Datenschutzprobleme und insbesondere eine Verringerung sozialer Kontakte. Dieser letzte Punkt steht auch bei den organisatorischen Voraussetzungen im Mittelpunkt, die als unabdingbar für einen erfolgreichen Medieneinsatz angesehen werden. Fast durchgängig wird hier betont, dass die unmittelbare Präsenz in Veranstaltungen schlicht nicht ersetzbar sei. Veranstaltungen sollten deshalb nicht vollständig virtualisiert werden. Der persönliche Kontakt über die Face-to-Face-Kommunikation wird als unverzichtbar für die universitäre Lehr- und Lernsituation angesehen. Die Frage nach der häufig diskutierten Virtualisierung des Studiums wurde hier ganz einheitlich im Sinne einer Teilvirtualisierung beantwortet, bei der Online- und Präsenz-Anteile kombiniert werden. Die Studierenden versprechen sich davon in erster Linie eine größere Flexibilität der Zeitbudgets und damit eine bessere Vereinbarkeit von Studium, Erwerbsarbeit und familiären Verpflichtungen. Die Bereitschaft, einen Teil der Studienleistungen online zu erbringen, ist deshalb entsprechend hoch. Allerdings wird auf die Probleme der hohen Kosten für die Studierenden und fehlende technische Standards hingewiesen.

[23] Die Frage, bei welchen Veranstaltungen der Einsatz multi- und telemedialer Techniken am ehesten sinnvoll und zweckmäßig sei, wurde sehr unterschiedlich beantwortet. Die Spanne der Antworten reicht hier von schlicht "allen Veranstaltungen", über konkrete Vorschläge zur besseren Visualisierung der Lehrinhalte in Vorlesungen, bis zur Einschätzung, dass gerade diskussionsintensive Seminare besonders gut für einen solchen Einsatz geeignet seien.

4. Fazit

[24] Die letztgenannte Einschätzung geht u.E. nicht zuletzt auf die insgesamt überaus positiv eingeschätzten Erfahrungen mit dem Einsatz des MDI zurück. Sie scheint uns in einem gewissen Widerspruch zur aktuellen Fachdebatte in der Hochschuldidaktik (nicht nur an der Universität Bremen) zu stehen, wo offenbar angenommen wird, dass eher Vorlesungen multimedial 'aufgerüstet' werden könnten, intensive theoretische Diskussionen, wie sie in den Sozialwissenschaften üblich und notwendig sind, sich hingegen für eine multi- und telemediale Unterstützung weniger eigneten. Diese Einschätzung hängt möglicherweise aber auch mit dem Fehlen geeigneter Computerprogramme zusammen. Es sollte durch diese - zugegebenermaßen sehr kleine Erprobungsstudie - gezeigt werden, dass gerade die intensive Diskussion von Texten über Netzwerkmedien vermittelt und organisiert werden kann.

[25] Durch seine auf die geistes- und sozialwissenschaftliche Seminararbeit abgestimmten Funktionen erhält das MDI den Charakter eines Werkzeugs, das die bestehende Hochschullehre positiv ergänzen kann. Der relativ offene Aufbau des MDI möchte Garant für eine flexible Einbettung in bestehende Hochschulstrukturen sein und der Hochschullehre nicht über eine Internetseite neue Strukturen aufzwängen. Zwar wurde das MDI primär für die Textarbeit entwickelt, wegen seiner strukturellen Offenheit ist es aber auch für jeden anderen Typus von Lehrveranstaltungen geeignet. Da das MDI hyptertextbasiert arbeitet, können beliebige Lehr- und Lernmodule anderer Herkunft unmittelbar ein- und angebunden werden!

[26] Bei der Einführung von Multimedia-Techniken in den universitären Lehrbetrieb sind Interessenkonflikte allerdings nicht auszuschließen und müssen auf jeden Fall ausgetragen werden. Ganz zu recht wurde in der Evaluation unseres Lehr- und Lernexperimentes von einem Studierenden darauf hingewiesen, dass solche Techniken letztlich nicht ohne die Zustimmung der Studierenden eingeführt werden können bzw. ohne studentische Zustimmung zum Scheitern verurteilt sind.

[27] Sowohl während der Entwicklung als auch in der Evaluation zeigte sich, dass die tradierten und als natürlich empfundenen Lehr- und Lernpraxen durch die Einführung eines virtuellen Komplementärs auf eine befruchtende Art und Weise in Frage gestellt wurden.

5. Fußnoten


[1] Inzwischen ist eine sehr viel weiter entwickelte Version des MDI mit anderen Schwerpunkten unter dem Namen MSI – Modulares Seminar Interface – im Gebrauch. Weitere Informationen finden sich unter http://www.msi.uni-bremen.de


Dieses Dokument ist nach dem Hypertext-Indexierungssystem (HIS) bearbeitet
Autor: Michael Schetsche, Thomas Krug, Thomas Temme
Titel: Telemediale Unterstützung der textbasierten Hochschullehre - Ein Lehr- und Lernexperiment
URL: www.creative-network-factory.de/cybertheorie/cyberpapers/Texte/MDI_Lehr_und_Lernexperiment.html
Erstellungsdatum: 2001
Version: 1.0 (29.06.2004)